Farben auf der Spur

Per Nimer wird dafür bezahlt, neugierig zu sein. Seine Haupttätigkeiten sind Menschen beobachten, in Cafés sitzen und das Leben um ihn herum beobachten, Schaufensterbummel machen, durch Modemagazine blättern und Filme ansehen. Er sagt selbst: „Wer einen Job wie meinen machen möchte, muss sich einfach für alles interessieren.“

Aber seine Arbeit ist viel anspruchsvoller, als das jetzt erscheinen mag. Nimer ist Design Manager bei AkzoNobel. In dieser Position ist es seine Aufgabe, künftige Farben für unsere Lackpaletten vorherzusagen. Und Nimer erklärt, dass das nicht einfach nur bedeutet zu gucken, welche Farben „in“ sein könnten. Es geht vielmehr darum, Trends zu entdecken. „Man versucht herauszufinden, wo wir heute stehen und was dann der nächste logische Schritt wäre. Man muss alle möglichen Veranstaltungen und Ereignisse sowie Ideen aus der Welt der Politik, Kultur, Mode und des Designs betrachten und versuchen, Verbindungen zwischen ihnen zu sehen bzw. gemeinsame Themen abzuleiten. Und dann überlegt man: Wenn das eintrifft, was bedeutet das für Farben?“

2010 war „Rückgewinnung“ das übergreifende Thema. Nimer erklärt das so: Angesichts der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Umbrüche wünschen wir uns wieder mehr Stabilität – eine Rückkehr zur Wirklichkeit, aber gleichzeitig auch die Eröffnung neuer Möglichkeiten. „Wir müssen unsere Finanzen neu ordnen, unsere Umwelt schützen und unser Leben wieder auf den richtigen Kurs bringen.“ Unter dieses Hauptthema fallen fünf Farbtrends.

Der erste ist „Leere“. Er verkörpert Hoffnung, Transparenz und neue Möglichkeiten und drückt sich in Blautönen und mineralischen Grautönen aus. Er ist eng mit dem zweiten Thema verbunden: „Fluss“ steht für eine Aufgeschlossenheit gegenüber Veränderungen, Ideen und Wandel und umfasst frische, reine Farben wie Feuerrot und zartes Lila.

Unsere ständige Sorge um die Umwelt schlägt sich in „Vertrauen“ nieder. In dieser Palette finden sich natürliche, sanfte Farben wie Salbeigrün und Sandgold. „Es dreht sich alles um Natur – die ‚echt‘ und vertrauenswürdig ist – und um ‚Zuhause‘“, sagt Nimer. „Nicht das Zuhause als Vorzeigeobjekt, wie es das früher einmal war, sondern als gemütlicher und sicherer Ort. Man denke nur an all die Bars und Cafés, die jetzt mit Sofas eingerichtet sind. Sie bilden eine sicheren, heimischen Ort nach.“

Auf ähnliche Weise ist das Thema „Außenseiter“ als Reaktion auf das durch die akribisch-detailreiche Gestaltung jeder Oberfläche geprägte „Überdesign“ der letzten zehn Jahre entstanden. „Perfektion ist nicht interessant. Das Unvollkommene ist spannender“, sagt Nimer. „Jetzt bekommen wir also Dinge mit absichtlich schlechtem Design, um einen Effekt zu erzielen.“ Da überrascht es nicht, dass diese Farbpalette persönliche Standpunkte in den Mittelpunkt stellt und schockieren will. Dabei umfasst sie Farben wie sattes Lila und leuchtende Mandarine.

Das letzte Thema ist „Bezug nehmen“. Es spiegelt unsere Suche nach Stabilität wider – egal ob diese sich von klassischer Architektur oder der wohltuenden Wärme des Feminismus ableitet. Als Beispiel für letzteres verweist Nimer auf immer stärker zunehmendes Networking unter Frauen. Zu den Farben dieses Trends gehören Altrosatöne, Seide antik und Sepiabrauntöne.